Betrachtet man die beiden Theorien über die Entstehung des menschlichen
Lebens getrennt, so erscheinen sie unvereinbar. Zu unterschiedlich sind ihre
Ausgangspunkte und Vorgehensweisen, was die Erklärung der menschlichen
Existenz und die der Erde anbelangt: die Evolutionslehre ist die Menschenlehre,
die Schöpfungslehre die Lehre von Gott.
Während die Naturwissenschaftler davon aussgehen, dass alles materielle
Sein auf dem Weg der Evolution zu immer höheren Seins- und Lebensformen
bis hin zum Menschen geführt wird, glauben die Schöpfungstheoretiker
der Bibel, dass die Schöpfung auf ein metaphysisches Wesen-Gott- zurückgeht
und schließen somit eine Entwicklung vom Elementarteilchen zu komplexen
Lebensformen aus.
Bei näherer Betrachtung hebt sich die anfängliche Widersprüchlichkeit
von Evolution und Schöpfung auf. Es wird klar, dass sie sich vielmehr ergänzen,
denn sie betrachten dieselbe Wirklichkeit, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven
mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Evolution ist ein empirischer Begriff, der auf das "Horizontalen
Woher" und das raum-zeitliche Nacheinander der Geschöpfe eingeht.
Evolution setzt immer schon etwas voraus, das sich verändert und entwickelt.
Schöpfung ist ein theologischer Begriff und fragt nach
dem "Vertikalen Warum" und "Wozu" der Wirklichkeit. Schöpfung
zeigt somit warum und wozu etwas ist, das sich verändern und entwickeln
kann.
P.Teilhard de Chardin hat einmal gesagt: " Gott
macht, dass sich die Dinge selber machen."
Dieses Zitat stellt die Kernaussage unserer Synthese von Evolution und Kreation
dar.
Selbst große christliche Kirchen verweisen heute auf die zeitgeschichtliche
Bedingtheit der Heiligen Schrift und lehnen somit eine wörtliche Auslegung
dieser ab. Ihr Anliegen ist es nicht, so die Theologen, die Entstehung der Welt
und des menschlichen Lebens chronologisch und rational verständlich zu
erklären und darzustellen. Vielmehr zeigt die Heilige Schrift das Verhältnis
Gottes zum Menschen auf. Der Schöpfungsbericht ist nicht als Antithese
zur Evolutionstheorie zu sehen (der Mensch wurde am sechsten Tag von Gott erschaffen
// Evolution: Mensch hat sich aus Elementen entwickelt), sondern ergänzt
diese - allerdings nur, wenn man von der wörtlichen Auslegung Abstand nimmt.
So wird in der Bibel vielmehr auf die Beziehung des Menschen zu Gott und der
Welt eingegangen:
Gott hat den Menschen als sein Abbild erschaffen und spricht ihm somit die im
Grundgesetz geschützte unantastbare Würde zu.
Des Weiteren hat der Mensch als Gottes Ebenbild an dessen Freiheit und Schöpfungshandeln
teil. Er wurde mit der Aufgabe
beauftragt, über die Erde und seine Mitgeschöpfe zu herrschen. Auch
wird betont, dass das menschliche Leben von Gott in Freiheit angelegt wurde
- er muss folglich Verantwortung für sein Handeln übernehmen und kann
sich auch von Gott lösen.
(Genesis 1-3)
Um auf unsere Kernaussage zurückzukommen, auch die katholische Kirche hat
1996 offiziell ihre Einwände gegen die Evolutionstheorie revidiert.
Gott hat die Dinge so geschaffen, dass sie in der Lage sind, sich selbst weiterzuentwickeln
und so dem Prinzip der Evolution zu folgen ( vgl. auch Aristoteles:"Der
unbewegte Beweger" ). Gott lässt die Geschöpfe bei ihrer Entwicklung
jedoch nicht allein, sondern ist ihr ständiger Begleiter. Hierfür
lassen sich keine naturwissenschaftliche oder rational erkennbaren Beweise finden
- hier setzt der Glaube an Gottes Allgegenwart an.
Dass es gelingt, Glaube und Naturwissenschaft auch in der Praxis zu vereinen, lässt sich gut im Schulalltag beobachten. Wir selbst wurden von einem Lehrer zum Abitur geführt, der uns sowohl in der Mathematik, Physik und Religionslehre unterrichtete.
Katharina Albiez & Dorothea Ebi, April 2003 Grundkurs Religion